Entwurf 6

9. Juni 2020

Nun kann also gelockert werden. Nach Wochen des Schnauf Anhaltens, endlich mal erstes zaghaftes Ausatmen. Zeitgleich beginnen die Möglichkeiten für verschiedene Abrechnungen. Die Zeitungspalten füllen sich mit «Hätten» und «Sollten», der hat «dies» und der hat «das».


Es ist schon richtig, sich ein paar Gedanken zu machen um aus den Ereignissen zu lernen. Aber diese Betrachtungen müssen deutlich vor Corona beginnen. Dann sind nicht nur einfach die Bundesräte oder Herr Koch die, auf die man zeigt und an denen rumzunörgeln ist.
Es stellt sich die eigentliche Frage was macht uns – die Menschen, die Gesellschaft und die Wirtschaft – so empfindlich?


Von der WHO erwartete ich und mit mir wohl ein paar andere auch, dass sie das Wissen, die Strategien und die Möglichkeit hat, die Weltbevölkerung und die Politik im Notfall, resp. vor dem Notfall mit Wissen und Informationen zu versorgen, wie es der Fall einer Pandemie fordern würde. Spätestens bei Auftreten von Ebola war der Zeitpunkt gegeben, die ganze Welt zu «briefen». Bei der WHO ist dieses Wissen durchaus vorhanden, die Organisation scheint aber so aufgestellt zu sein, dass ihr die Hände gebunden sind, um ihren Job auszuführen. Da ist also ein riesiger Apparat, der viel Geld verschlingt und eine Menge an gescheiten Leuten anstellt, aber sich niemand darin Gedanken macht, ob man handlungsfähig ist. Wo ist die Verantwortung jener die bei der WHO Gehalt beziehenden?

Hätte die WHO laut und deutlich gesagt, was Sache ist, hätte die Wirtschaft, vor allem jene Unternehmen die sich um die Umwelt nicht im Geringsten scheren, aufgeschrien und behauptet man könne den Handel und den Tourismus doch nicht einfach zum Stillstand bringen. The Show must go on!
Dann mussten – eigentlich zu spät - doch Einschränkungen im pausenlosen Transport- und Mobilitäts-Irrsinn gemacht werden. Jetzt erwartete man, dass die Versicherungen die Ausfälle durch «The Show is locked» ersetzen täten. Diese verschanzten sich unterdessen bereits im Home-Office. Teuer bezahlte CEOs erlaubten sich zu sagen, dass sie den Unterschied zwischen Epidemie und Pandemie nicht kennen. Wofür werden diese Mitarbeiter so gut bezahlt – für Nichtwissen, für dezidierte Ablehnung der Verantwortung, wenn es um Ausgaben und nicht um Einnahmen geht? Es ist gar nicht so lange her, dass die Versicherungen klar darlegten, dass ein Pandemie-Fall nicht versichert werden könne. Verständlich, aber sagt das doch einfach den Kunden unverklausuliert und steht dazu. Teuer bezahlt, aber die Verantwortung ablehnend!

Der Bundesrat nahm alles in die Hände, so sieht das die Verfassung vor und handelte in enger Absprache mit dem BAG. Die sieben Bundesräte und Herr Koch zeigten ihre Köpfe und hielten sie hin. Eine schon lange angesetzte Pandemie-Kommission des BAG kam nicht zum Einsatz, die Gründe dafür erschliessen sich mir nicht, vermutlich ist die Konstellation etwa gleich wie bei der WHO: ein gescheiter Haufen Menschen, gut bezahlt aber handlungsunfähig und diesen Zustand offenbar hinnehmend.

Es galt die Ausbreitung des Virus im Zaum zu halten und das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu schützen. Ein komplett überdrehtes Gesundheitssystem, das im Kern nur funktioniert, weil darin eine grosse Anzahl Menschen auf «unterster» Ebene tatsächlich ihre Verantwortung wahrnehmen und trotz kläglicher Arbeitsbedingungen täglich, auch zu Unzeiten und ohne Möglichkeit auf Home-Office ihre schwere Arbeit verrichten.
Läden und Gastronomiebetriebe mussten wegen der Ansteckungsgefahr geschlossen werden. Für Besitzer und Betreiber stellte der Bund unkomplizierte Hilfe zur Verfügung. Für sehr viele entstanden kaum zu deckende Kosten wegen Miete, Versicherungen und Löhnen, ganz zu schweigen von den Vorräten, die je nach Betrieb diese Zeit nicht überleben konnten. Damit begann eine mir bis jetzt in der Form nur schwer verständliche Diskussion über die Modalitäten der Mieten in der ausserordentlichen Lage. Räte und Stände diskutierten, beharrten, referierten.
Der Immobilien-Sektor ist mindestens so krank, wie das Gesundheitssystem – und beides krankt an Überzüchtung, Arroganz und falscher Bewertung. Vermietung von Immobilien ist ein Geschäft, wie jedes andere auch. Sollte es wegen Corona Federn lassen müssen ist das eben so. Dass es zurzeit, wie eine besonders schützenswerte Spezies in separater Ausführung mit Samthandschuhen verhandelt wird, zeigt nur welch verzerrte Wahrnehmung wir akzeptieren. Hinzu kommt, dass es innerhalb dieses Sektors sehr unterschiedliche Player gibt: Die ganz grossen mit Immobilien als Kerngeschäft und ganz kleine Private, die eine einzelne Liegenschaft haben. Viele dieser kleinen, privaten Vermieter fanden recht schnell unkomplizierte, für beide Seiten akzeptable Überbrückungs-Abmachungen. Die grossen trugen ihre Verzichts-Verweigerung auf die politische Bühne und in den Parlamenten begannen sich die Räte zu raufen. Die Verantwortlichen der grossen Player, oft Versicherungen beteuerten, was für eine überaus grosse Verantwortung sie gegenüber ihren Versicherungsnehmern hätten und deshalb ausserstande seien auch nur einen Cent von ihren teilweise massiv übertrieben Mieten nachzugeben. Wer finanziert da wen? Knirschend wurde nun ein Kompromiss gefunden, der für niemanden ganz passt. Für die Findung solcher Kompromisse haben wir diverse untaugliche Begriffe geschaffen, wie beispielsweise KMU, eine Abkürzung die eigentlich verboten gehörte, hat sie doch kaum einen brauchbaren Inhalt, weil schon «klein» und «mittel» in der Arbeits- und Berufswelt komplett divergieren.


Trotz all der flankierenden, bundesrätlichen Massnahmen und Hilfeleistungen mussten viele Unternehmen Mitarbeitende entlassen und einige Unternehmen haben dank home office auch einfach gemerkt, dass es ohne Mitarbeiter x und y auch geht. Pausenlos hören wir, dass es die Ärmsten und die Schwachen am härtesten trifft. Woher kommen die Armen und Schwachen? Sie sind erschaffen durch einen komplett falsch gelebten und entarteten Kapitalismus voller derangierten Werte. Anstatt darüber nachzudenken, was welchen Wert hat, was wieviel kostet und wofür was bezahlt wird, verkaufen wir den Ärmsten, Schwachen und ebenso den schon seit längerer Zeit als behindert geltenden über fünfzig Jährigen, die es aus Anstand und Rechtschaffenheit verpasst haben, sich zu übermässig zu bereichern, Fortbildungen mit diversen, sehr zweifelhaften Inhalten und ebensolchen Formaten. Nur wer ewig dynamisch aktiv und lernfreudig ist darf im viel CO2 verursachenden Hamsterrad mittreten und bekommt dann auch ein paar Batzen.

Die Selbstlosen feiern wir als Helden. Jene die wirklich was geleistet haben, wie beispielsweise die Pflegenden und Teerenden sollen anständig honoriert werden, dann kann man sie durchaus auch noch feiern. Jene die es sich einfach leisten können irgendwo gratis zu arbeiten, die sollen einen Lohn verlangen, statt sich den «ehrenamtlich Orden» anzustecken. Dann könnten es sich sogar vielleicht die Armen und Schwachen leisten, sich mit ihren ganzen Skills einzubringen. Wir sollten auch mit den vielen «Chrampfern», die Strasse und Gebäude in Schuss halten anständig umgehen, kaum aus dem home office erwarten wir alles sauber und fein. Dass die dazu nötige Arbeit mit auf Sommerzeit gestellter Uhr, bei der erbärmlichsten Hitze des Tages ausgeführt wurde, damit wir abends länger «chillen» können, hinterfragen nur wenige. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich ungesund und bedrohlich und wir schauen zu, als wäre es ein Naturgesetz.

Die Digitalisierung, die grenzenlose Vernetzung hat viele neue Geschäftstätigkeiten gebracht und wahrscheinlich kommen noch viele dazu. Die Sozialversicherungen müssen endlich auch im Jahr 2020 ankommen. Der Arbeits- und Berufsmarkt ist spätestens seit 2000 sehr grossen Veränderungen unterworfen, teilweise durchaus begrüssenswerter Art. Die antiquierten Strukturen der Sozialversicherungen verhindern aber eine dynamische Optimierung. Spätestens die Debatten bezüglich Uber hätte dazu führen müssen, dass wir uns überlegen, wer, was in die AHV einzahlen kann und wer sich wie gegen Lohnausfall versichern kann, darf und soll. Individualität wird gesellschaftlich und wirtschaftlich grossgeschrieben, slim, fit und flexibel soll alles sein, im Versicherungssystem und als Erwerb ist dies nicht vorgesehen und zurzeit noch fast unmöglich.
Wir erschaffen Normen in allen Bereichen, sie sollen helfen international vom Gleichen zu reden, wir erschaffen als Nebeneffekt darin grosse Lücken. Bildungsnormen beispielsweise, die das gleichgerichtete Algebra in der Unterstufe definieren und gerade zeigt uns Corona, dass Kenntnisse in Händewaschen sehr viel elementarer wären. Wir fliegen auf den Mond und können den Kreis noch immer nicht bis auf die letzte Kommastelle berechnen. Wir brauchen das Wort «Solidarität» für Nachbarschaftshilfe und zeigen damit, dass wir nichts verstanden haben und möglicherweise im Begriff sind, die Sprache zu verlieren. «Social distancing» ist genauso falsch, denn es geht um «physical distancing» und «Klimaerwärmung» gaukelt uns vor, dass alles nicht so schlimm ist, obwohl die Erde deutlich Fieber hat.

Wir verlangen von Fachleuten, dass sie ehrlich sind und verweigern ihnen die Möglichkeit, auch einmal «ich weiss es nicht» zu sagen. Für alle Fragen hat irgendeine Suchmaschine irgendeine Antwort, dass wir auf den meisten Gebieten zu wenig Kenntnisse haben, solche Antworten zu verifizieren blenden wir aus. Jeder ist heute in jedem Bereich Fachmann.

Die Schweiz hat sehr viele, gute Systeme und Strukturen, damit diese funktionieren und greifen, müssen wir sie den Gegebenheiten anpassen, aber sie auch mit Verantwortung bedienen.

Der Mensch ist ein Teil der Natur, eines Gefüges, dass wir noch lange nicht vollumfänglich kennen und das wir nie beherrschen und besitzen können – die Einsicht, dass wir davon abhängig sind würde reichen.

Wir sind empfindlich, weil wir uns parasitär verhalten, weil wir vergessen haben, woher unsere Grundbedürfnisse gedeckt werden, weil unsere Werte – vom kleinesten bis zu den ganz grossen in jedem Lebensbereich – völlig verzerrt, schadhaft und irreführend sind. Wir sind empfindlich, weil wir das Geld regieren lassen, statt es als Mittel zu nutzen, es ist deshalb auf zu wenige verteilt und diese wenigen beweisen sehr mangelhaftes Verantwortungsbewusstsein – was in der Logik ja überhaupt erst möglich machte, dass sie zu viel Geld haben.


Wen oder was müssen wir schützen und wen oder was schützen wir?


Wohlstand und Wohlergehen sei allen gegönnt, erreichen lässt sich das nur mit Anstand, Rücksicht und dem Klären und Richtigstellen von Werten.